Rheinlandtarif: Einfacher war ÖPNV nie

Megaprojekt regelt Ticketpreise für 100 Kommunen neu

Tarifreformen können ohne Übertreibung als Operation am offenen Herzen des öffentlichen Nahverkehrs bezeichnet werden: Sie sind immens komplex, hinsichtlich der Akzeptanz bei den Fahrgästen potenziell riskant und bedürfen minutiöser Vorbereitung sowie eines Schulterschlusses auf vielen Ebenen.

Bei der Erarbeitung des neuen Rheinlandtarifs ist den Expertinnen und Experten von Aachener Verkehrsverbund (AVV) und Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) die sprichwörtliche Quadratur des Kreises gelungen: der Ausgleich zwischen Einfachheit und Gerechtigkeit sowie Verträglichkeit für die Fahrgäste und Auskömmlichkeit für die Verkehrsunternehmen. Die Fachleute haben das Tarifportfolio um etwa 85 Prozent verschlankt und reduzieren die Zahl der Preisstufen von 16 auf perspektivisch drei.

Dass die Fusion von zwei historisch gewachsenen Verbundtarifen gelingen konnte, unterstreicht eine zentrale Erkenntnis: Der Schlüssel zum Erfolg liegt im konsequenten Zusammenwirken aller Beteiligten. Erst das enge Miteinander der beiden Verbünde, der Verkehrsunternehmen und der Politik hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, tragfähige und zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln.

Mehrere Dutzend Kolleginnen und Kollegen aus beiden Häusern haben am Rheinlandtarif mitgewirkt. Stellvertretend für diese geballte Expertise kommen im folgenden Interview Expertinnen und Experten aus allen beteiligten Fachbereichen zu Wort.

Schauen wir zunächst auf den Fachbereich, dessen Name bereits im Projekttitel steckt: den Tarif. Was waren aus Eurer Sicht die tariflich größten Herausforderungen?

Siegfried Krüger (stv. Leiter Tarif/Vertrieb VRS): 
Zwei vielfach unterschiedliche Verbundtarife zu einem neuen Tarif zu verschmelzen. Der Rheinlandtarif hat die bisherigen Tarife von AVV und VRS komplett abgelöst. Wir haben nicht nur unser Portfolio gestrafft, sondern eine komplett neue Tarifwelt geschaffen. Hierfür haben wir uns ergänzend gutachterlicher Expertise bedient.

Maximilian Filipp (Tarif/Vertrieb AVV): 
Das Deutschlandticket und eezy.nrw haben den Nahverkehr revolutioniert. Die Fahrgäste fordern auf Basis dieser beiden Erfolgsprodukte zurecht, dass auch der restliche Tarif einfach ist. Doch für Nutzende aus 100 Kommunen ein neues Tarifkonstrukt zu ersinnen und dabei die unterschiedlichen Interessenlagen adäquat zu berücksichtigen, war nicht einfach.

Wie muss man sich den Weg vom konzipierten Tarif bis zum ersten verkauften Rheinlandtarif-Ticket vorstellen?

Marius Liebscher (stv. Leiter Tarif/Vertrieb/Einnahmenaufteilung AVV): 
Mit einem fertigen Tarifkonzept allein ist es noch nicht getan. Beim Rheinlandtarif mussten alle vertriebsrelevanten Informationen so aufbereitet werden, dass die Verkehrsunternehmen sie in ihren Vertriebssystemen – von der App bis zum Kundencenter – nutzen können. Diese Vorarbeit ist bei einem Gemeinschaftstarif dieser Größenordnung entsprechend anspruchsvoll, weil sie auch Grundlage für alle weiteren Vertriebsschritte darstellt.

Jan Hoffmann (stv. Leiter Tarif/Vertrieb VRS): 
Für den neuen Rheinlandtarif mussten vertriebliche Konzepte und insbesondere die Datengrundlagen grundlegend neu aufgesetzt und in den Vertriebssystemen implementiert werden. Dahinter steckt ein komplexer Prozess mit zahlreichen Abstimmungen und gemeinsamen Entscheidungen. Dass daraus am Ende ein funktionierendes Vertriebsprodukt wurde, ist vor allem der engen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Verbünden, Verkehrsunternehmen und Dienstleistern zu verdanken

Damit Fahrgäste einen neuen Tarif kaufen, müssen sie ihn zunächst kennen. Bernd, Markus, wie baut Ihr die Fahrgast-Kommunikation zum Rheinlandtarif auf?

Bernd Knieling (Marketing/Kommunikation VRS): 
Wir bauen in der Kommunikation vor allem auf die Einfachheit des Rheinlandtarifs und auf den harmonischen Dreiklang, den er mit dem Deutschlandticket und eezy.nrw bildet. Dabei holt der Rheinlandtarif all diejenigen ab, die sich in den beiden anderen Tarifen – noch – nicht wiederfinden. Die Tariflandschaft hier im Rheinland ist jetzt dreifach einfach.

Markus Vogten (Leiter Marketing/Kommunikation; Pressesprecher AVV): 
Für den Rheinlandtarif nutzen wir vor allem digitale Medien: unsere Homepages, Apps und Social-Media-Kanäle. Aber natürlich berücksichtigen wir auch die Bedürfnisse weniger digital affiner Fahrgäste: Sie finden die Infos zum neuen Tarif in übersichtlichen Broschüren.

Schwenken wir rüber zum Kundendialog: Habt Ihr den Eindruck, dass die Fahrgäste den Rheinlandtarif gut annehmen?

Markus Schumacher (Teamleiter VRS-Kundendialog): 
Ja. Natürlich meldeten sich kurz nach dem Start täglich Fahrgäste mit Fragen zum Rheinlandtarif, was in einem solchen Reformprojekt völlig normal ist. Nach unserem Eindruck zeigen die vielen im Vorfeld vorbereiteten Infomedien aber eine gute Wirkung, sodass das Anfrageaufkommen insgesamt auf einem erwartbaren Niveau blieb.

Dirk Steinnagel (Marketing/Kommunikation AVV): 
Das breite Portfolio an Maßnahmen – eine Infoplattform für die Mitarbeitenden der Verkehrsunternehmen inklusive FAQ und Schulungsunterlagen für das Fahr- und Verkaufspersonal über Broschüren bis hin zu umfangreichen Infos im Netz sowie Vorab-Info für die Abokundinnen und -kunden durch die Verkehrsunternehmen – hat sich auch aus unserer Sicht bewährt.

Wie bewerten die Medien den Rheinlandtarif?

Jessica Buhl (Pressesprecherin VRS): 
Die Berichterstattung ist objektiv und fair. Dass Medien auch denjenigen Fahrgästen ein Forum bieten, die im Zuge der Reform liebgewonnene „Sonderlocken“ verloren haben, gehört mit dazu. Jedoch muss man sich vor Augen halten, dass 90 Prozent aller Fahrten mit Deutschlandticket oder eezy.nrw unternommen werden.

Markus Vogten: 
Zudem führen wir bis zum 31. Mai 2028 die Kurzstrecke fort, um den Fahrgästen, die von Härten betroffen sind, den Umstieg auf eezy.nrw zu erleichtern.

Fahrkarten dienen den ÖPNV-Nutzenden als Fahrt­berechtigung, die generierten Ticketerlöse gehören den Verkehrsunternehmen. Wie ist aus Sicht der Einnahmen­aufteilung der Rheinlandtarif angelaufen?

Christoph Pala (Einnahmenaufteilung AVV): 
Wie überall im Projekt haben auch wir in der Einnahmenaufteilung eine hausübergreifende Arbeitsgruppe gegründet – und das gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Verkehrsunternehmen. Dort wurden konstruktiv die Weichen gestellt: für die Systematik der Aufteilung der Fahrgeldeinnahmen, die Berücksichtigung verbundspezifischer Besonderheiten sowie Regelungen zur Datengrundlage, Abrechnung und Weiterentwicklung der Einnahmenaufteilung.

Melanie Hecker (stv. Leiterin Einnahmenaufteilung VRS): 
Wir konnten zum Glück auf den guten Erfahrungen aus den wechselseitigen Mechanismen aus dem AVV- und dem VRS-Tarif aufbauen. Allerdings bedarf eine verbundraumübergreifende Einnahmenaufteilung neuer vertraglicher Grundlagen und auch Berechnungsgrundlagen für die Verteilung auf die beiden Verbundräume. Für die Meldung der Einnahmen aus dem neuen Rheinlandtarif haben die AVV GmbH und die VRS GmbH eine gemeinsame Meldeplattform aufgebaut. Über diese melden die Verkehrsunternehmen zentral die Einnahmen aller drei tariflichen Säulen: Deutschlandticket, eezy.nrw und Rheinlandtarif.

Melanie sprach gerade die vertraglichen Grundlagen an. Wie stellt sich ein neuer Gemeinschaftstarif als juristische Aufgabe dar?

Emil Mertens (Recht VRS): 
Tatsächlich relativ komplex. Wir haben für die Umsetzung des Rheinlandtarifs in Summe 150 Seiten Vertragswerke überarbeitet oder teils auch neu aufgesetzt. Dabei ging es nicht nur um juristische Detailarbeit und Subsumtion, sondern auch um die Koordination zahlreicher fachlicher Inhalte und Schnittstellen. Eine solche Vertragsarchitektur konnte ich nicht allein erstellen, sondern war auf die belastbare Zuarbeit der zuständigen Bereiche angewiesen. Gerade durch dieses Zusammenspiel steht der Rheinlandtarif nun auf vertraglich soliden Säulen.

Abschließend noch eine Frage an die Projekt­verantwortlichen: Katrin, Sascha, wie stolz seid Ihr auf die Leistung Eurer Teams?

Katrin Bünten (Leiterin Tarif/Vertrieb/Einnahmenaufteilung AVV): 
Das lässt sich kaum in Worte fassen – unglaublich stolz. Wir haben anstrengende Monate mit vielen Überstunden, zahlreichen Sitzungen, Rückkopplungen mit den Verkehrsunternehmen, Vorstellung der Konzepte bei der Politik und das Ringen um einige Kompromisse hinter uns. Das Engagement, das die Kolleginnen und Kollegen im Sinne der Fahrgäste an den Tag gelegt haben, verdient allerhöchsten Respekt. Ich bin jedem und jeder Einzelnen sehr dankbar.

Sascha Triemer (Leiter Tarif/Vertrieb VRS): 
Man muss sich das mal vorstellen, ein solches Megaprojekt in nur 14 Monaten von der politischen Beschlussfassung bis zur Realisierung durchzuziehen, das ist der Wahnsinn. Wir haben nicht nur den Bartarif revolutioniert, sondern auch Produkte für spezielle Zielgruppen wie Sozial-, Schüler- und Jobtickets konzipiert und auf den Markt gebracht. Ohne ein starkes Team kann man all das nicht schaffen. Daher auch von mir ein herzliches Dankeschön!

Katrin Bünten und Sascha Triemer mit den Geschäftsführern Hans-Peter Geulen (AVV, 2.v.l.) und Michael Vogel (VRS, 2.v.r.)
  • 100

    Kommunen

  • 85 %

    weniger Tarifprodukte

  • 3

    Preisstufen

  • 14

    Monate Projektarbeit

  • Dutzende

    beteiligte Mitarbeitende

  • 7

    beteiligte Fachdisziplinen

    (Tarif, Vertrieb, Einnahmenaufteilung, Kundendialog, Kommunikation/Marketing, Recht, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

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